Nov. 6, 2025

Mom Guilt – das schmerzhafte Gefühl, nicht zu genügen

Viele Mütter kennen es, dieses nagende Gefühl, das in etwa so klingt: ‚Egal, was ich auch tue, es ist nicht genug. Ich will doch eine ideale Mutter sein, meinen Job gut machen, mich um meine Beziehung kümmern und für meine Freunde da sein. Das muss doch zu schaffen sein, ohne dass ständig etwas vom Tisch fällt, und ich mich chronisch müde und schlecht fühle. Wie machen das nur die anderen?‘

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich als Mutter schlecht zu fühlen – und einen Namen für das Phänomen: ‚Mom Guilt‘. Konkret bezeichnet ‚Mom Guilt‘ das schlechte Gewissen oder die Schuldgefühle, die aus obigem Erwartungsdruck resultieren. Diese Mutterschuldgefühle können das Selbstbewusstsein mit der Zeit schwächen. Ohnehin kommt mit dem Mama-Sein eine große Aufgabe in das meist schon gut gefüllte Leben. Und die eigenen Kräfte und Ressourcen sind endlich. Dazu kommt, dass die gesellschaftlichen Ansprüche an das Muttersein hoch sind. Es wird davon ausgegangen, dass eine Mutter ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt und alles für das Kleine tut. Frischgebackene Mamas sind oft unsicher, machen sich Sorgen, Fehler zu machen. Arbeitende Mütter haben Schuldgefühle, weil sie hin- und hergerissen sind zwischen dem Wunsch zu arbeiten und gemischten Gefühlen darüber, ihr Kind in andere Hände zu geben. Dann werden sie mit ungefragten Meinungen und Ratschlägen konfrontiert, oder schlimmer noch: verurteilt. Vor diesem Hintergrund potenzieren sich die ohnehin vorhandenen Schuldgefühle. Denn die Realität ist, dass eine Frau – oft genug federführend – viele Bälle im Spiel halten muss.

 

Was verursacht Mom Guilt?

  • • Stillen – nicht immer funktioniert alles wie gewünscht
  • • Arbeiten – ja oder nein? Arbeitende Mütter leider besonders unter Schuldgefühlen
  • • Unterforderung – Kinderbetreuung kann den Wunsch nähren, wieder arbeiten zu wollen
  • • Der Druck, viel Zeit mit den Kindern zu verbringen
  • • Ungefragte Ratschläge und Meinungen Dritter – Familie, andere Mütter

 

Das Gefühl, eigentlich mehr tun zu müssen: Die Zutaten für den Mom Guilt-Cocktail

Egal, mit wie vielen Mamas – und ganz unterschiedlichen Frauen – ich gesprochen habe, alle haben klar gesagt: ‚Mom Guilt‘ ist real. Man hat immer das Gefühl, irgendjemandem nicht gerecht zu werden, irgendetwas besser machen zu müssen oder Prioritäten falsch zu setzen. Ich habe versucht, herauszufinden, was alles dazu beiträgt, dass Frauen sich so fühlen.

Dabei wurde schnell klar: Je arbeitsteiliger eine Partnerschaft mit Kind funktioniert, desto besser gelingt es, alles gemeinsam am Laufen zu halten. Natürlicherweise spielt die Mutter in den ersten Lebensmonaten eine entscheidende Rolle. Aber Partnerschaften verändern sich mit einem Baby und selbst in Beziehungen, die gleichberechtigt sind, tritt nach der Geburt des Kindes häufig ein sog. ‚Traditionalisierungs-Effekt‘ ein. Das kann dazu führen, dass der Frau nun mehr als vorher die Zuständigkeit für Haushalt und Kind zugeschrieben werden, also die sog. Care-Arbeit plötzlich wieder allein ihr Metier ist. Veraltete Rollenmodelle, verschiedene gesellschaftliche Mutterschaftsideale und damit verbundene Erwartungshaltungen können eine Belastung darstellen – eine Belastung, die wieder das ungute Schuldgefühl nährt, es nicht richtig zu machen und nicht gut genug zu sein. Das mentale Anspannung steigt, die Kräfte geraten durch Schlafmangel ohnehin an Grenzen und eine Abwärtsspirale des Wohlbefindens setzt ein. Das kann dazu führen, dass auch das Selbstbewusstsein leidet, was wiederum Schuldgefühle begünstigt.

Kulturelle Erwartungen tragen ihr Schärflein dazu bei. Wer wollte nicht eine tolle Mama und gleichzeitig beruflich erfolgreich sein? Das geht, aber es erfordert sehr viel Organisation und Teamwork in der Beziehung. Hier gibt es viele Einfallstore für Mom Guilt, beispielsweise wenn die junge Mama von der Teilzeitstelle in die Kita hetzen muss und sich dabei gleich doppeltschlecht fühlt: einerseits, weil sie die Aufgabe im Office nicht abschließen konnte, andererseits weil sie schon wieder zu spät in der Kita ankommt. Je mehr eine Frau alles richtig und perfekt machen will, desto höher ist für sie das Risiko, sich immer ‚falsch‘ zu fühlen. Mit hohen Standards kommt höherer Druck. Und damit wird automatisch das schlechte Gewissen verstärkt.

 

Gehetzt zwischen Nachwuchs, Job & Partnerschaft: welche Mutter kennt es nicht?

 

Eine weitere Zutat zum Unglücklichsein ist der ständige Abgleich und die Idealisierung anderer Mütter. Momfluencerinnen auf Social Media erzeugen das Bild – alles blendend aussehend – im Griff zu haben. Mama-Bloggerinnen shooten, wenn alles läuft und das Make-up stimmt. Influencerinnen, die viel an Nannies delegieren, geben Tipps für den Umgang mit Kindern. Das Mama-Bild der Alleskönnerin auf Socials verstärkt das subjektiv empfundene Gefühl des Nicht-Genügens: ‚Andere kriegen es hin und sagen es mir noch, wie es geht, und ich schaffe es einfach nicht.‘ Was eigentlich genau? Vielleicht fängt das Problem sogar schon damit an, zu glauben, bestimmte Kriterien erfüllen zu müssen.

Schlechte Gefühle können zudem in Müttergruppen entstehen, wenn übereinander geredet und gemäkelt wird. Es gibt Dynamiken, dass Frauen, die sich gegenseitig unterstützen könnten, sich gegenseitig kritisieren (‚Mom Bashing‘ & ‚Girl Hate‘ ). Da kann es um Ernährung, Erziehung oder Standpunkte zu Impfungen gehen. Manchmal reicht schon eine Frau, die einfach nicht zugeben kann, dass ihr Baby auch nicht durchschläft. Sie zeichnet dann, um sich selbst zu schützen, ein völlig unrealistisches Bild und setzt ungewollt andere unter Druck. Generell ist der Vergleich unter Müttern keine gute Idee, da Situationen, Familienkonstellationen, Partnerschaften und auch Kinder schlicht unterschiedlich sind.

Zu guter Letzt gibt es noch einen Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist: Die Sorge um das Baby ist von der Natur durchaus gewollt. Dass Mamas sich sorgen, ist biologisch gesehen eine sinnvolle Emotion. Es gibt also eine gewisse Prädisposition, die Müttern das Gefühl gibt, nicht genug zu tun.

 

Unsere Gesellschaftsstruktur spielt eine Rolle

‚Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.‘ Damit ist gemeint, dass früher Kinder im Verbund aufwuchsen. Kinder wurden im Familienverband oder Clan und manchmal sogar in der Dorfgemeinschaft großgezogen. Die Aufgabe, ein Kind großzuziehen, wurde gemeinschaftlich getragen, heute sind Vater und Mutter oft allein – auch, weil die Großeltern häufig nicht in der Nähe wohnen. Damit potenziert sich die emotionale und organisatorische Last für das Elternpaar, und insbesondere für die Mutter.

 

Mom Guilt überwinden

► Werde dir bewusst

Wenn man etwas ändern will, ist der erste Schritt, sich bewusst zu werden. Fang damit an, dir klar vor Augen zu führen, dass du auch mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen hast. Es gibt tatsächlich eine Art genetische Disposition, aber mach dir auch bewusst, was von außen unnötigerweise dazu kommt. Denk daran, was du alles schaffst und versuche, dich von ungefragten Bewertungen abzugrenzen.

 

► Vergiss deine eigenen Bedürfnisse nicht

Mama zu sein, ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Deswegen achte auf dich, auf deine Bedürfnisse. Schaffe dir kleine Oasen, in denen du kurz durchatmen kannst. Manchmal kann ein Netzwerk auf Freundinnen hilfreich sein, die dich besuchen, dir eine Besorgung abnehmen oder die dich auf dem Spaziergang mit dem Kinderwagen begleiten. Lerne klar ‚Nein‘ zu sagen, wenn es einfach zu viel wird.

 

Ein Mädls-Abend ohne Kind(er) kann Wunder wirken

 

► ‚Perfekt gibt es nicht‘ – werde pragmatisch und fokussiere dich auf das Wesentliche

Mom Guilt wird befördert durch zu hohe Standards und den Wunsch, alles perfekt zu machen. Gerade, wenn helfende Hände knapp sind, ist es sinnvoll, die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben einen ‚gnädigeren‘ Blick auf das Eigene zu etablieren. Entscheidend für das Baby ist nicht die perfekt aufgeräumte Küche, sondern die Verbindung zu dir als Mama. Je gelassener du bist, desto besser für dein Kind – und für dich.

 

► Vergleiche dich nicht – jede Siuation ist anders

‚Comparison is a thief of joy‘ – vergleiche dich nicht mit anderen Mamas. Jede Frau hat eine einzigartige Situation und einen individuellen Weg. Konzentriere dich auf deine Familie und halte dich nicht damit auf, auf andere schielen.

 

► Entscheidet euch als Paar, dass beide Elternzeit nehmen

Gleichberechtigte Elternzeit hilft dabei, eine faire Aufgabenverteilung zu etablieren. Und verhindert den Rückschritt in veraltete Rollenmodelle. Beide Elternteile haben so die Chance, eine gute Bindung zum Baby aufzubauen und als ‚Team Familie‘ Verständnis füreinander zu haben.

 

Diese Bücher halten dich sicher wach!

 

Buchtipps voller Humor und Empathie

Mom Guilt: A Survival Guide
_  Robyn Ludlo
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Selbstlos
_Sina Schröder
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Vorbildlich unperfekt: Eltern sein mit mehr Selbstvertrauen und Zuversicht
_Marlies Johanna Heckner
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Die belastenden Schuldgefühle sind nachvollziehbar und mehr verbreitet, als du vielleicht denkst. Dennoch: ‚Mom Guilt‘ muss nicht sein. Denn es gibt keinen Masterplan für Mutterschaft und keine Blaupause, die für alle gleichermaßen funktioniert. Dein Baby oder dein Kleinkind braucht dich, so, wie du bist. Und keine perfekte Mama. Erlaube dir Schwächen und habe auch Mitgefühl für dich, wenn du einfach müde bist. Das ist normal. Je mehr du bei dir bist, desto besser und stabiler wird die Verbindung zu deinem Kind und auch deinem Umfeld.

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Meine Liebe zu Mode und Kommunikation hat mich zu Ana Alcazar gebracht – als Texterin & Konzepterin in der klassischen Werbung groß geworden, schreibe ich seit über 10 Jahren für unser Münchner Designerlabel. Im Redaktionsteam bin ich für alle Corporate-Themen zuständig, außerdem befasse ich mich hier mit aktuellen Trends & meinem Herzensthema Gleichberechtigung.

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