Hospital Fantasy – die offizielle Erlaubnis, Pause zu machen
Gesellschaftlich geprägte Rollenbilder sind mächtig und wirkungsvoll – und sie beeinflussen uns mehr, als wir bewusst zulassen wollen. Die Idee der immer fürsorglichen, selbstvergessenen Mutter ist eines dieser Bilder. Geht ein frischgebackener Vater allein aus, stellt niemand Fragen. Tut eine Mutter das gleiche, wundern sich alle, wie es jetzt dem oder der Kleinen wohl ergeht. Erinnerst du dich an das Bild des Mannes, der Zigarren holen geht und nicht mehr zurückkommt? Für eine Mutter ist das schlicht unvorstellbar. Der gesellschaftliche Maßstab, der an Mütter angelegt wird, ist hoch. Und wir Frauen haben das zutiefst verinnerlicht und uns zu eigen gemacht. So kommt das Phänomen ‚Hospital Fantasy‘ zustande.
Was ist mit ‚Hospital Fantasy‘ gemeint?
Hinter dem Kunstwort steckt der Wunsch, für kurze Zeit im Krankenhaus liegen zu wollen. In den letzten Jahren hat diese ‚Sehnsucht‘ vieler Mütter zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Auf TikTok mehrt sich POV-Content mit Texten wie ‚You’re a burnt out mom and a hospital stay sounds liks a perfect vacation‘ oder ‚Aus einem nicht schwerwiegenden Grund in ein Krankenhaus eingeliefert werden und 3 Tage Schlaf und gekochtes Essen bekommen‘. Dabei überlegen Mütter, ob sie einfach die Treppe hinabstürzen könnten, um das Ziel zu erreichen. Was genau steckt hinter diesem Wunsch? Worauf verweist das? Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter ein größeres Problem lauert.
Der gepackte Rucksack im Schrank oder: Einfach kurz durchatmen.
Baby- und Kleinkindjahre sind intensiv: Bei aller Freude und Liebe kosten häufig die neue Situation, tiefgreifende körperliche und hormonelle Veränderungen bei der Frau, Emotionen, die man nur als Eltern erlebt und Schlafentzug einiges an Energie. Eine Studie belegt, dass sich in Deutschland über 70 Prozent der Eltern regelmäßig erschöpft fühlen. Nach wie vor wird die Hauptlast immer noch von den Frauen getragen. Sie haben nicht frei, müssen immer da sein: Meist sind sie anfangs zu Hause, um zu stillen, die Windeln zu wechseln und sich um das Baby zu kümmern. Auch, wenn sie in den Kleinkindjahren selbst krank sind, haben Mütter nicht den Raum, sich in Ruhe auszukurieren. Nie. Sie schleppen die Grippe oft wochenlang mit durch ihren ohnehin schon atemlosen Alltag: die Kleinen versorgen, Nießen, Husten, Nasenspray und Ibuprofen einwerfen, Kochen, Weitermachen trotz Müdigkeit und Sich-Abgeschlagen-Fühlen, tagelang. Immer noch nehmen nur 10 Prozent der Männer Kinderkrankentage.

Zusätzlich zur Care-Arbeit kommt häufig ein stressiger Berufsalltag und die fatale gesellschaftliche Erwartung, allen und allem gerecht zu werden. Eigene Bedürfnisse werden zwangsläufig zurückgestellt – immer und immer wieder. Viele überforderte Mütter werden häufig noch von einem schlechten Gewissen geplagt, nicht gut genug zu performen, weil sie das Gefühl haben, dem gesellschaftlich aufoktroyierten Ideal nicht entsprechen zu können. Latente Schuldgefühle schleichen sich ein, die das Immunsystem schwächen. Schnell werden so Müdigkeit und Erschöpfung zum Dauerzustand, aus dem es keinen Ausweg gibt. Oder doch? Zumindest einen mentalen: nämlich die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung im Krankenhaus. Ist es nicht spannend, dass Männer eher den klaren Wunsch nach einem Urlaub formulieren und Frauen sich hingegen ins Krankenhaus wünschen? Das verdeutlicht einmal mehr, dass Frauen ein anderes Level an Verantwortung spüren und schnell Schuldgefühle empfinden, wenn sie sich die wohlverdiente Pause wünschen.
Verstehen, worum es wirklich geht
Damit wird die ‚Hospital Fantasy‘, die auf den ersten Blick erstaunt, begreifbar: Ins Krankenhaus zu kommen ist eine objektive, medizinisch indizierte Notsituation, die keine Schuldgefühle nötig macht. Anders als bei einem Urlaub, gibt es keine Alternative. Denn: Krank ist krank. Auch, wenn man sich noch so verantwortlich für die Kinder fühlt, weswegen es nicht ginge, sich einfach so vom Acker zu machen. Das Krankenhaus wird als Freifahrtschein empfunden, als Ruheort, als alternativlos – und damit als Entlastung. Üblicherweise erntet man dafür Mitleid und Verständnis statt Vorwürfe, sich aus der Affäre zu ziehen oder die Familie im Stich zu lassen.

Ein Urlaub könnte unter Umständen eigene Schuldgefühle und Klagen von außen provozieren. Im Krankenhaus erhält man Mitleid und Fürsorge. Die Krankenhausfantasie illustriert also nichts anderes als die große Sehnsucht, die Verantwortung kurz abzugeben, nicht verfügbar zu sein und sich auszuruhen, um dann mit frischer Energie weiter machen zu können – zugespitzt formuliert: lieber ‚gesund‘ ins Krankenhaus als Urlaub am Meer. Klar ist, dass es dabei nicht um schwerwiegende Erkrankungen geht, sondern um die Sehnsucht nach einer Pause in einem strukturierten Umfeld – frei von familiären und beruflichen Verpflichtungen. Und das ohne schlechtes Gewissen (‚Mom Guilt‘).
Warnsignal und deutliches Zeichen der Überforderung: Pausen sind wichtig
In einer Gesellschaft, in der sich die Idee, ins Krankenhaus zu gehen, wie Entlastung anfühlt, läuft einiges schief. Auch, wenn es ohne Frage viele unterstützende Partner und einige Betreuungsangebote gibt, tragen Mütter den Großteil des Mental und Emotional Load. Letztere sind unsichtbar und kosten unheimlich viel Kraft. Zudem wird die Care-Arbeit gesellschaftlich häufig entwertet, es gibt wenig Anerkennung dafür, sich um andere zu kümmern. Frauen übernehmen – neben ihrem Job – die Verantwortung für die kleine Organisation ‚Familie‘: Arzttermine, Besorgungen für die Schule, soziale Verpflichtungen rund um die Kita, Kindergeburtstage, die Struktur im Alltag, Winterschuhe, Impfpässe und und und … Dabei kommen eigene Bedürfnisse oft zu kurz oder vielmehr spielen überhaupt keine Rolle.

Geht das über einen längeren Zeitraum, zeigen sich Burnout-ähnliche Symptome. Die Hemmschwelle, sich das selbst einzugestehen, liegt manchmal hoch. Dafür sorgen verinnerlichte gesellschaftliche Erwartungen und ein verfehltes Bild, wie eine perfekte Mutter zu sein hätte. Die Gesellschaft urteilt schnell und hart über Frauen und vor allem über Mütter, Stichwort ‚Mom Bashing‘. Sämtliche Entscheidungen, die eine Mutter in Bezug auf ihr Kind trifft, sind Gegenstand öffentlicher Bewertung: angefangen bei der Geburt (Kaiserschnitt oder natürliches Gebären) über die Ernährung und Erziehung bis hin zu der Frage nach Berufstätigkeit der Mutter oder nicht. Wer arbeitet, ist karrieregeil, wer zuhause bleibt, liegt dem Partner auf der Tasche. Zack, abgeurteilt, fertig. Von der unzureichenden Betreuungssituation habe ich noch gar nicht gesprochen. Kita-Plätze sind nur mit Vorlauf zu bekommen und wenn eine Mutter sich entscheidet, ein Kleinkind länger in der Kita zu lassen, als sie arbeiten geht, wird auch das wieder negativ bewertet.

Dabei ist eines so entscheidend: Kinder brauchen in erster Linie ein Zuhause, in dem sie sich geborgen und geliebt fühlen. Das können Eltern am besten geben, wenn sie auf ihre eigenen Grenzen achten. Nimm als Mutter deine Bedürfnisse ernst, achte auf dich und organisiere in der Familie kleine Auszeiten für dich, wenn du merkst, dass es zu viel wird. Niemand muss alles allein schaffen. Gibt es Großeltern in der Nähe oder kann dein Partner etwas übernehmen und dich entlasten? Besteht die Möglichkeit, die Kleine oder den Kleinen etwas später aus der Kita abzuholen? So könnte zumindest ein kurzes Zeitfenster zum Durchatmen entstehen. Natürlich sind auch Arbeitgebende und die Gesellschaft in der Pflicht: flexible Arbeitszeiten ermöglichen, Elternzeit für beide Elternteile etablieren, Betreuungsangebote weiter ausbauen und gleichberechtigte Arbeitsteilung fördern. Und zu guter Letzt: Care-Arbeit, Mental Load und Emotional Load sollten sichtbarer gemacht und anerkannt werden. Und am allerwichtigsten müssen sie gleichberechtigter untereinander verteilt werden.