Mikrofeminismus – und warum gerade die kleinen Dinge die Welt verändern
Gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht – das ist das Anliegen des modernen Feminismus. Dabei geht es also um Wahlfreiheit und Selbstbestimmung für alle – zum Wohle aller. Nicht mehr und nicht weniger. Und trotzdem erregt manchmal schon das Sprechen darüber Unmut oder Abwehr. Genau deswegen finde ich die Idee des ‚Mikrofeminismus‘ so gut. Weil sie zeigt, wie Gleichberechtigung im Alltag beginnen kann, ohne große Geste und Tamtam, sondern ganz natürlich.
Weil Mikrofeminismus Stereotypen sichtbar macht und Haltungen korrigiert. Weil kleine Gesten immer wieder, stetig und kontinuierlich die Welt zurechtrücken – ohne Lärm, als Konstante im Alltag. Mikrofeminismus – das sind kleine Aktionen oder Handlungen, die Geschlechterungleichheiten auf subtile Weise sichtbar machen oder hinterfragen. Sie konzentrieren sich auf alltägliche Erfahrungen und Situationen.
Makrofeministische Ansätze hingegen richten den Blick auf gesamtgesellschaftliche Strukturen, politische Systeme und ökonomische Rahmenbedingungen, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern erzeugen und aufrechterhalten. Besonders wirkungsvoll ist eine Kombination beider Ansätze: Sie ermöglicht es, sowohl die tief verwurzelten sozialen Dynamiken im Alltag als auch die strukturellen Mechanismen der Ungleichheit zu erkennen.
It’s a men’s world – Mikrofeminismus als kluge Antwort
Mikrofeminismus – das meint kleine alltägliche Handlungen, die patriarchale Strukturen herausfordern und Geschlechterungleichheiten sichtbar machen. Jede und jeder von uns kann mit niedrigschwelligen Gesten und Aussagen privat sowie im Berufsalltag für mehr Gleichberechtigung sorgen. 2024 kreierte die Filmproduzentin Ashley Chaney auf TikTok einen Trend, indem sie davon berichtete wie sie #microfeminism praktiziert. Seither hat der Hashtag über 2,5 Millionen Videoaufrufe erreicht.
Handeln macht den Unterschied: Handeln mit Haltung
Fragen über Fragen: Wieso sprechen wir von einer ‚Working Mom‘, aber nicht von einem ‚Working Dad‘? Habt ihr schon von einem Rabenvater gehört? Sicher nicht, aber die Rabenmutter ist geläufig. Genau wie eine Powerfrau. Die Zuschreibungen, die mit den Formulierungen verbunden sind, haben es bei genauer Betrachtung ganz schön in sich: Bei der Powerfrau ist es beispielsweise das ‚Erstaunen‘, dass eine Frau stark und energetisch sei. Am schlimmsten finde ich persönlich den Satz ‚Die ist ja hysterisch.‘ Das Wort stammt vom altgriechischen Wort für Gebärmutter, hystéra. Und damit war vermeintlich eine typische Frauenkrankheit von Männern erfunden, eine, um Frauen mundtot zu machen und als verrückt abzutun – gerne dann, wenn sie eine eigene Meinung oder eine ungewünschte Wahrheit formulierten. Mit dem einfachen Ziel, weibliche Gefühle zu pathologisieren und Frauen als irrational abzustempeln und damit aus dem Diskurs zu nehmen. Auch heute noch.
Mikrofeminismus setzt genau bei solchen Sprachgewohnheiten oder entsprechenden Handlungen an. Viele der Aktivitäten wirken vielleicht gar nicht so groß, dass sie als Gamechanger betrachtet würden. Aber, wenn viele sich daran beteiligen, entsteht über die jeweilige Situation hinaus ein Impact. Steter Tropfen höhlt den Stein – und Mikrofeminismus ist eine Möglichkeit, im Alltag die Gleichberechtigung zu stärken, ohne laut zu sein.
Im Alltag bewusst kleine Impulse setzen – Mikrofeminismus in Aktion
#1 Raum einnehmen
Kennst du das auch? Du gehst auf dem Gehweg, ein Mann kommt dir platzgreifend entgegen – und du weichst aus. Gleiches Spiel in der U-Bahn oder der Bahn – neben dir sitzt jemand, der selbstverständlich die mittlere Armlehne belegt oder sich auf dem Sitz so breit macht, dass du dich instinktiv schmal machst, die Beine überschlägst oder in die Ecke rückst. Versuch mal, selbst den Raum zu besetzen und die Armlehne nicht einfach abzugeben oder auf dem Gehweg nicht auszuweichen.
#2 Den Vater anrufen, wenn das Kind abgeholt werden muss
Du bist Erzieherin oder Lehrerin? Dann ruf doch auch mal den Vater an, wenn das Kind aus gesundheitlichen Gründen aus der Kita oder Schule abgeholt werden muss. Wie selbstverständlich wird häufig angenommen, dass Mütter ihren Job leichter nachpriorisieren können, weil sie vermutlich ohnehin weniger Stunden arbeiten. Vielleicht ist aber ja die Mutter die Haupt- oder Alleinverdienerin in der Familie.
#3 Die weibliche Form verwenden
Sprache ist ein weites Feld, wenn es um Mikrofeminismus geht. Denn Geschlechterklischees finden sich unweigerlich in der Sprache wieder. Eine Möglichkeit ist konsequent die weibliche Form zu verwenden. Und dazu zu schreiben: Männer sind immer mitgemeint.
#4 Bei Berufsbezeichnungen & Expertise die weibliche Form formulieren
Wenn jemand vom CEO spricht, kannst du nachfragen, wie ‚sie‘ heißt, wenn jemand vom Arzt spricht, kannst du nachhaken, was ‚sie‘ gesagt hat. Statt Fußball allgemein zu benennen, kannst du spezifizieren und ‚Männerfußball‘ sagen oder fragen, ob von dem Turnier der Männer oder der Frauen gesprochen wird. Das gleiche gilt für männlicher Arzt, männlicher CEO, männliche Krankenschwester. Eine Möglichkeit ist auch, bei Berufen öfter das traditionell untypische Geschlecht zu verwenden wie Anwältin, Sekretär, Erzieher, Pilotin.
#5 Männer fragen, was sonst Frauen gefragt werden
Trifft ein Mann abends allein seine Clique im Lokal, kannst du ihn darauf ansprechen, wer denn jetzt auf die Kids zuhause aufpasst. Oder, wie er Kind und Beruf miteinander verbindet.
#6 Einem Mann höflich anbieten, die Tasche zu tragen
#7 Typische Statements einsetzen
Wenn ein Mann im Meeting laut wird, anmerken: ‚Wow, ist er heute emotional!‘
#8 Witze, die Frauen abwerten, kommentieren
Bei sexistisch konnotierten Witzen ruhig mal nachhaken: ‚Was genau findest du daran so lustig?‘, statt sich stillschweigend zu ärgern.
#9 Aufhören, krampfhaft Harmonie zu schaffen
Treten Spannungen auf, sind es oft die Frauen, die sich verpflichtet fühlen, die Wogen zu glätten, Dinge zu relativieren oder zu vermitteln. Manchmal kann man die Dinge einfach laufen lassen, ohne für alle die emotionale Verantwortung zu übernehmen.
#10 Männern Blumen schenken und die Tür aufhalten
Es müssen nicht immer die Männer sein, die Türen aufhalten – komm ihm doch einmal zuvor oder schenke ihm Blumen – Augenhöhe ist Augenhöhe.
#11 Sisterhood
Solidarität statt Rivalität – unterstütze andere Frauen und halte zu ihnen. Das spendet Kraft und schafft Verbindungen und fördert ein inklusives Miteinander. Wir Frauen sollten wirklich aufhören, andere zu bewerten oder in Konkurrenz zu treten.
#12 Sich von Männern nicht (ungefragt) die Welt erklären lassen
Mansplaining ist weit verbreitet und meint, dass Männer ungefragt bis herablassend Dinge erklären, die das Gegenüber selbst und unter Umständen sogar besser weiß. Versuchen in so einer Situation nicht zu schweigen, sondern weise auf deine Expertise hin.
Es gibt unendlich viele Ideen …
Mehr Inspiration für Mikrofeminismus im Alltag und im Umgang mit Sprache findest du auf TikTok unter dem Hashtag #microfeminism. Wie sehr Sprache unser Denken formt, zeigt auf Insta z.B. @little.paper.plane
Klischees im Job brechen
Besonders im beruflichen Umfeld kann Mikrofeminismus dazu beitragen, mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Die niederschwelligen Gesten können zu gelebtem Alltags-Empowerment und längerfristig zu mehr Bewusstsein und strukturellen Veränderungen führen. Vergiss nicht: Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung. So kann bewusste inklusive Sprache längerfristig dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.
#1 Business-Kommunikation
Weibliche Personen in E-Mails oder bei Ansprachen zuerst adressieren.
#2 Das generische Femininum verwenden
Gezielt von Managerinnen oder Leaderinnen sprechen.
#3 Binde Kolleginnen gezielt wieder ein, die unterbrochen wurden
Es passiert häufiger, dass Frauen in Meetings beim Ausführen ihrer Argumentation unterbrochen werden. Engagiere dich und greife den Beitrag dieser Kollegin aktiv wieder auf. Bitte sie, weiterzusprechen. Binde sie so kommunikativ wieder ein, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen.
#4 Meetings Notes an einen männlichen Kollegen geben
Mitschriften zu erstellen, ist eine Aufgabe, die üblicherweise an die weiblichen Teammitglieder vergeben wird. Delegiere den Job einfach an einen Mann.
#5 Respektvoll und fair mit Kolleginnen umgehen
Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen und nicht abwertend übereinander sprechen. Auch Begriffe wie ‚Zicke‘ sollten vermieden werden.
#6 Wertschätze die weiblichen Personen im Unternehmen und in deinem Team
Lobe weibliche Teammitglieder gezielt für ihre Intelligenz, ihre Stärke und ihre Ergebnisse. Positioniere Frauen gezielt als Expertinnen in ihrem Bereich.
#7 Die Kraft des ‚Nicht-Lächelns‘
Es gibt ein Verhalten, das besonders Mädchen anerzogen wird, das im Job die eigene Autorität untergraben kann: Lächeln. Sei dir bewusst, dass du nicht diejenige sein musst, welche die Atmosphäre durch Freundlichkeit auflockern muss.
Auch, wenn Mikrofeminismus zeigt, wie Gleichberechtigung im Alltag beginnen kann, löst er damit noch keine strukturellen Ungleichheiten. Er führt aber dazu, dass das Bewusstsein geschärft wird. Wenn in solchen Momenten Irritation entsteht, ist das eine gute Gelegenheit, Dinge zur Sprache zu springen. Lohnunterschiede werden nicht unmittelbar deswegen geringer und auch die Gender Pay Gap schließt sich nicht. Aber all die kleinen Handlungen, welche patriarchale Strukturen herausfordern, tragen dazu bei, Haltungen zu ändern – im Job, in der Sprache, im Umgang miteinander.