Midsize – das neue Normal
Aktualisiert am 3. April 2025
Egal, wie sehr sich die Modewelt für Fairness einsetzt und auch danach handelt – eines lässt sich nicht abstreiten: Allein schon, dass es Konfektionsgrößen gibt, bedeutet unweigerlich Normierung. Und das könnte man ja hinnehmen, würden nicht bestimmte Größen auf der Attraktivitätsskala höher bewertet als andere: Das sind in Deutschland 34–38, also die UK-Sizes 6–10.
Immer noch werden in der Fashionszene Körper normiert und klare Schönheitsideale ausgegeben. Trotz aller Kampagnen und Rufe nach Diversität werden die Kollektionen auf den Runways in der Regel von Models mit Größe 32 präsentiert. Auch, wenn vereinzelt Curvy Models präsent sind, gibt es doch eine klare Präferenz. Diese Normierung passt nicht zur Wirklichkeit mit ihren vielfältigen Figuren und Körpertypen, die in der High Fashion kaum vorkommen. Schönheit hat so viele Gesichter, Formen und Silhouetten. Influencer:innen auf Social Media verstetigen die ‚Sportlich-und-Dünn-Sein‘-Ideal mit schmaler Hüfte, schlanker Taille und ansehnlicher Brust. Dabei mehren sich Störungsbilder wie Magersucht und Bulimie besonders bei Teenager:innen, aber auch bei älteren Frauen.
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Als Reaktion auf das ewige Vermessen und Sich-in-Form bringen entstand die Body Positivity-Bewegung, die sich gegen Schlankheitswahn und unrealistische Schönheitsideale ausspricht. Die Botschaft ist: Liebe dich, so wie du bist. Schönheit braucht keine Maßeinheiten. Die gut gemeinte Empower-Bewegung adressiert vor allem Frauen mit sog. Plus-Size-Größen – das bedeutet konkret Größe 44 und darüber. Diese Frauen haben endlich eine Stimme und eine starke Community und das ist wirklich toll. Viele Shops haben sich auf Plus-Size-Mode spezialisiert und bieten Kleidung in den Größen 44–58. Auch Asos, Mango oder H&M haben Curvy Mode im Programm und verfügen über ein beachtliches Sortiment im hauseigenen Onlineshop. Halten wir also fest: Über den Schlankheitswahn wird viel diskutiert, Plus-Size als Gegenbewegung wird gefeiert, aber was ist mit den Größen dazwischen? Was ist mit den Frauen, die weder sehr schlank noch deutlich füllig sind. Diese sind – unsichtbar!
Über den realen Frust von Konsumentinnen: ‚Midsize‘, die Größe dazwischen
Und jetzt kommt der eigentliche Skandal: Genau diese Größen sind in der Mode und damit in den Shops spärlich vorhanden. Das bedeutet konkret, dass eine große Zahl an Frauen echte Schwierigkeiten hat, die gewünschten, passenden Looks zu finden. Die Mid-Size-Frau mit ihrer durchschnittlichen Größe ist, man glaubt es kaum, so etwas wie eine unbeachtete Mehrheit. Weniger als 20% der Looks wird für sie hergestellt. Auch in der Fashion- und Medienszene ist sie definitiv unterrepräsentiert. Die konkrete Folge beim Shoppen für ‚durchschnittliche‘ Frauen, die noch keine Plus Size tragen, aber auch nicht dünn wie ein Model sind, ist, dass Outfits nicht richtig sitzen. Egal, welche Größe sie probieren, irgendwie ist das Kleid oder die Hose immer ein bisschen zu groß oder zu klein, so dass Problemzonen unvorteilhaft betont werden.
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Besonders auffällig ist, dass die wirklich coolen Pieces in den genannten Größen oft gar nicht vorhanden sind, also nicht produziert werden! Häufig werden Frauen, die einfach nur passende Kleidung suchen, ausschließlich weite und wenig figurnahe Kleidungsstücke angeboten. Die meisten Frauen mit beispielsweise Größe 42 möchten aber nichts kaschieren oder sich hinter ihrer Kleidung verstecken. Sie wünschen sich einfach nur einen guten Fit ihres Outfits. Wer also zwischen den Straight Sizes und den Plus-Sizes liegt, hat ein reales Problem. Es sieht so aus, als würde die ‚Dazwischen‘-Frau schlicht durch die Lücke in der Größentabelle fallen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch marktwirtschaftlich unverständlich.
Midsize – nachgefragt, aber ignoriert
► Straight Size – gilt als Standard-Größe: 34–38
► Midsize – durchschnittliche Damengröße in DE und UK: 40–44
► Plus Size – 44 und darüber
Tolle Midsize Looks, die wirklich sitzen
#midsize – Sichtbarkeit für die unbeachteten ‚Sandwich-Kinder‘ der Mode
Ob es uns gefällt oder nicht, offensichtlich spielen in der Modewelt Normierungen eine Rolle. Je nach Zeitgeist fällt die Festlegung des ‚idealen‘ Körpers unterschiedlich aus. Wenn dann das Idealbild mit der Wirklichkeit konfrontiert wird, zeigt sich, dass Vielfalt eben nicht standardisiert werden kann. Wer nicht in die festgelegten Kategorien passt, ist selbst das Problem – und war im Falle der Midsize-Figur-Frauen lange Zeit in der Modewelt de facto unsichtbar. Ein weiteres beklagenswertes Phänomen ist, dass die Idealisierung von ‚Möglichst-Dünn‘ noch eine weitere bemerkenswerte Spielart kennt: Viele Labels, die sich bewusst für Diversität aussprechen wollen, stecken Midsize Frauen in die Plus-Size-Kategorie. Und wählen damit klischeehaft die ‚schlankere‘ Version von ‚Dick‘, um sich als divers zu präsentieren. Damit schwindet die Wahrnehmung für Midsize zunehmend, die jetzt ja als Plus Size gelesen werden. Auch auf die Plus Size Models hat das einen negativen Impact, sie werden schlicht außenvor gelassen.
Aber nicht nur die Modeindustrie auch die Body Positivity-Bewegung hat Midsize-Körper lange ignoriert. Wo bleibt hier die Body Inclusivity? Das dachten sich auch Influencer:innen, die mittlerweile sehr erfolgreich den #midsize etabliert haben. Auf TikTok und Instagram schafft der Hashtag Sichtbarkeit für die sprichwörtlichen ‚Sandwich‘-Kinder in der Mitte, denen weniger Aufmerksamkeit zu Teil wird. Besonders auf TikTok wird die Debatte um Body Inclusivity klickreich – aktuell rund 5 Milliarden Klicks – geführt. Auf Instagram zeigt das midsizecollective als ‚The original home of not petite but not plus-sized style.’ die Schönheit und Vielfalt der Midsize-Frauen.
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Echte Vielfalt braucht strukturelle Veränderungen
Das Gute ist, dass es durchaus einen Fortschritt gibt: Bewegungen wie Body Positivity sprechen sich gegen den Schönheitsdruck aus, die Midsize-Community als Sprachrohr der ‚Vergessenen‘ wird sichtbarer und sollte selbstverständlich zu Body Positivity gehören. Und genauso, wie es sich lohnt, für Frauen ab Größe 46 zu kämpfen, sollte das auch für die mittleren Größen gelten. Letztere können nicht einfach weggelassen werden. Schon aus dem Grund nicht, weil sie ja ‚normal‘ sind, also die Standard-Size für eine beträchtliche Anzahl an Modebegeisterten. Bemerkenswert ist, dass sich Labels – das lässt sich ja schlussfolgern – tendenziell in Richtung Extreme bewegen: Schnitte für sehr schmale und für sehr füllige Figuren werden kreiert und produziert – aber die Mitte wird ausgespart. Fashion muss aber in Schnitten für das gesamte Größenspektrum angefertigt werden.
Denn eines steht außer Frage: Schönheit, Attraktivität und die Freude an gelungenen Outfits enden nicht bei Größe 38. Es ist an der Zeit, das nicht nur zu erkennen – sondern auch danach zu handeln. Ein Hoch auf die Vielfalt.







