Gender Pain Gap & Bikini-Medizin – die männliche Brille in der medizinischen Forschung & Praxis und ihre Folgen
Der sprichwörtliche ‚Männerschnupfen‘ ist uns allen ein Begriff und ein humorvolles Beispiel für ein weniger lustiges Phänomen: Die Männergesundheit steht stärker im Fokus als die von Frauen. Leider ist es eine Tatsache, dass Frauen in der medizinischen Forschung bislang auf erschreckende Weise vernachlässigt werden.
Dafür gibt es einen Fachbegriff: Gender Pain Gap oder Gender Health Gap. Also zusätzlich zur Gender Pay Gap, Gender Pension Gap, Gender Gift Gap und allen anderen eine weitere Lücke, die ernsthafte Konsequenzen für uns Frauen mit sich bringt. Worüber sprechen wir genau? Die Gender Pain Gap – also die ‚geschlechtsspezifische Schmerzlücke‘ – beschreibt das Phänomen, dass Schmerzen bei Frauen im Vergleich zu Männern weniger verstanden und unzureichender behandelt werden. Die Gründe dafür sind vielschichtig, historisch gewachsen und eng an Rollenklischees und mangelnde Gleichstellung geknüpft.
Gender Pain Gap
Die Gender Pain Gap bezeichnet die geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Wahrnehmung, Diagnose und Behandlung von Schmerzen. Frauen erleben oft eine Verzögerung in der medizinischen Versorgung, da ihre Schmerzen systematisch unterschätzt, bagatellisiert oder nicht ernst genommen werden.
Der Male Gaze in der Medizin
Schmerzen bei Frauen werden aufgrund von systemischen Lücken und Vorurteilen schlechter verstanden und behandelt. Die Medizin geht in der Forschung und in klinischen Studien häufig von einer Art ‚männlichen Standardsatz‘ aus. Woher das kommt? Die Forschung bezog sich lange Zeit auf den sog. ‚Durchschnittsmenschen‘, der männlich war.
Das hat eine lange Geschichte: Schon bei den alten Griechen wurde der Mann als ‚Goldstandard‘ betrachtet, die Frau als dessen Kopie mit Abweichungen. Die ‚Blaupause Mann‘ findet sich bis heute als häufigste anatomische Abbildung in der medizinischen Literatur. Studierende arbeiten also am Mann als Prototyp, wenn es um Muskelbildung, die Funktionsweise von Körpersystemen und alles weitere geht. Historisch gesehen dürfen Frauen erst seit 1993 an klinischen Studien teilnehmen. Vorher war das gemäß einer FDA-Richtlinie von 1977 Frauen im gebärfähigen Alter untersagt. Das bedeutet, dass bis dahin medizinische Erkenntnisse ausschließlich zu Männern erhoben werden konnten. Symptome, die Patientinnen anders empfinden, Nebenwirkungen von empfohlenen Dosierungen gehen auch heute noch im Klinikalltag und in der Diagnostik unter.
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Schlimmer noch: Zyklusabhängiges Schmerzempfinden ist immer noch ein Nischenthema. Der ‚männliche Standard‘ konnte auch deswegen zur Norm werden, weil Wissenschaft und Lehre die meiste Zeit über männlich dominiert waren. So untersuchte männliche Professoren die Forschungsfragen, die sie brennend interessierten. Männliche Wissenschaftler werden häufiger zitiert – Gender Publication Gap. Und: Als Probanden standen männliche Studenten zur Verfügung. So bildete sich die Gender Data Gap heraus, die Datenlücke, die dazu führte, dass lange verkannt wurde, dass sich beispielsweise ein Herzinfarkt oder auch Depressionen bei Frauen anders zeigen können als bei Männern. Es existiert also völlig real eine massive Lücke im Hinblick auf das Wissen rund um die Gesundheitsvorsorge bei Frauen – ein bestehendes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen, bei dem die Frauen den Kürzeren ziehen!
Gender Bias – geschlechtsspezifische Vorurteile und ihre Folgen
Neben der Tatsache einer stärkeren männlichen Repräsentation in der Wissenschaft wirken aber weitere Faktoren, die sich bis zu Hippokrates zurückverfolgen lassen – nämlich klischeehafte und nicht faktenbasierte Zuschreibungen an Frauen, die zu verzerrten Wahrnehmungen führen.
Traurig, aber wahr: Äußern Frauen Schmerzen, werden sie weniger ernst genommen als Männer und ihre Leiden werden oft bagatellisiert. Warum ist das so? Das allein zeigt schon die ganze Widersprüchlichkeit von klischeehaften Zuschreibungen. Einerseits wird gesagt, dass Frauen Schmerzen ja gewohnt seien und deswegen besser ertragen. Sie würden monatlich die Periode mit Bauchkrämpfen durchlaufen und zudem Kinder gebären – was unstreitig mit Schmerzen verbunden ist. Deswegen könne es nicht so schlimm sein, wenn Frauen beklagen, dass ihnen etwas weh tue. Das könnten sie schon aushalten und managen – also kein Handlungsbedarf. Frauen werden häufiger abgewiesen, wenn ihre Beschwerden keine sofort ersichtliche, klare Ursache haben. Manchmal mit inhaltslosen Aussagen, wie bestimmte Symptome seien als typisch weiblich zu akzeptieren. Oft werden Frauen auch mit Erklärungen wie „Das bildest du dir nur ein.“ abgespeist. Schmerzen werden dann einfach ‚in die Psyche geschoben‘ und mit Antidepressiva oder Schmerzmitteln ‚kuriert‘ – anstelle einer fundierten Diagnostik. Tatsächlich ist es erwiesen, dass Frauen im Vergleich zu Männern häufiger unter Schmerzen leiden. Und keine ordentliche Behandlung erfahren. Umso krasser.
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Andererseits, und das erscheint völlig paradox, kursiert das Bild der ‚hysterischen Frau‘ – eines der frauenfeindlichen Stereotype schlechthin. Wie oft höre ich das im Alltag, Frauen seien dramatisch, überemotional und wehleidig. Dabei kenne ich so viele männliche ‚Drama Queens‘ – privat und beruflich! Der Begriff ‚Hysterie‘ ist eine Ableitung des Wortes „hystéra“, dem griechischen Begriff für ‚Uterus‘, Gebärmutter, angeblich eine Störung, die auftritt, wenn dem Wunsch nach ‚Kindererzeugung‘ nicht genüge getan würde. Auch Sigmund Freud klassifizierte die psychiatrische Neurose, also die ‚Hysterische Persönlichkeitsstörung‘, fälschlicherweise als Frauenkrankheit. Die Wahrheit ist nämlich, dass Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind, weil es schlicht eine Persönlichkeitsstörung ist, die theoretisch alle treffen kann. Im Kern nichts weniger als ein Machtmittel gegen das weibliche Geschlecht. Diese sexistischen Vorurteile sind leider immer noch präsent und können zu folgender Lesart führen: Leiden Frauen, werden sie als hysterisch und emotional abqualifiziert, leiden Männer sind sie ‚tapfere Helden‘. Damit wird männlichen Schmerzen mehr Ernsthaftigkeit und Berechtigung attestiert, wofür es stichhaltige Daten gibt:
„Unsere Daten deuten darauf hin, dass Menschen die Schmerzberichte von Frauen aufgrund weit verbreiteter kultureller Stereotype unbewusst abwerten.“
– Dr. Elizabeth Losin, Director of the Social and Cultural Neuroscience Laboratory at the University of Miami
So widersprüchlich die beiden oben geschilderten Annahmen auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie haben teilweise gravierende Folgen für die Gesundheit von Frauen.
Verengter Blick: Bikini-Medizin rund um Fruchtbarkeit
Bevor ich auf die weiteren Folgen eingehe, gibt es ein weiteres Phänomen, das auch wiederum einen latent sexistischen Hintergrund hat. Und die Frau auf eine Funktion, nämlich das Gebären, reduziert. Die Rede ist von der sog. Bikini-Medizin, also die Diagnostik im Hinblick auf die Körperregionen, die ein Bikini bedeckt. Das ist eine Metapher dafür, dass schwerpunktmäßig und überproportional im Hinblick auf die reproduktiven, fertilen Lebensjahre und hier vor allem rund um die Schwangerschaft geforscht wird. Gegen einen Forschungsschwerpunkt im Hinblick auf Mutter und Kind ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Problematisch ist, dass andere wesentliche Gesundheitsaspekte dabei weiterhin nachrangig behandelt werden.
Zugrunde liegt hier zum einen die Fehlannahme, dass sich die Gesundheit von Frauen nur in den genannten körperlichen Bereichen von denjenigen der Männer unterscheidet – mit fatalen Konsequenzen für die Frauen und viel unnötigem Leid. Andererseits werden aber auch die ‚Wechseljahre‘, also die Phase hin zur anbrechenden Fruchtlosigkeit weniger beachtet. Dabei ist das eine Phase mit komplexen hormonellen Umstellungsprozessen.
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Ein weiteres anschauliches Beispiel ist Endometriose: Frauen mit dieser sehr schmerzhaften chronisch-inflammatorischen Erkrankung müssen oft von Pontius bis Pilatus laufen, um eine adäquate medizinische Unterstützung zu erhalten. Allein, weil die Intensität ihrer Schmerzen nicht zur Kenntnis genommen wird, Expertinnen und Experten relativ dünn gesät sind und die Erkrankung oft als 0815-Periodenthema verkannt wird.
Apropos: Wenn man sich überlegt, wie flächendeckend PMS auftritt und dass Frauen dann die Wahl haben, die Pille (mit all den Nebenwirkungen) zu nehmen oder Antidepressiva zu erhalten, ist das mindestens erstaunlich. Erektile Dysfunktion hingegen erfreut sich medizinisch weit mehr Aufmerksamkeit und wird auch ganz gezielt behandelt. Und zwar nicht verzögert, sondern mit allem Eifer.
An Männern erforscht, Frauen verabreicht – es gibt keine ‚One-Size-Fits-All‘-Lösung
Dass das alles andere als eine theoretische Debatte ist, zeigen die ganz konkreten Folgen. Zahlen belegen, dass Frauen mit Schmerzen im Vergleich zu Männern eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, mit Beruhigungsmitteln nach Hause geschickt zu werden als mit Schmerzmitteln. Symptome von Frauen werden schneller fälschlicherweise auf Stress oder Hormone oder eben die Psyche zurückgeführt, während Männer eine Überweisung zu einem Facharzt erhalten.
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Auch zeigen sich schwerwiegende Krankheitsbilder wie Herzinfarkt, Depressionen oder ADHS bei Frauen und Männern manchmal unterschiedlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Frau ein Herzinfarkt fehldiagnostiziert wird, ist deutlich höher als bei Männern: Druck in der Brust und Schmerz, der in den linken Arm ausstrahlt, sind die Kernsymptome bei Männern. Bei Frauen finden sich teilweise auch andere Symptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Oberbauch- und/oder Rückenschmerzen. Auch Medikamente werden falsch dosiert, da sie an männlichen Probanden getestet wurden. Frauen haben aber in der Regel ein geringeres Körpergewicht, hormonelle Schwankungen und mehr Fettgewebe. Es gibt nachweislich Unterschiede im männlichen und im weiblichen Immunsystem. Das Immunsystem bei Frauen ist stärker, sie kommen besser mit Infekten klar – also könnte man fairerweise sogar sagen, dass die ‚Männergrippe‘ schlimmer ist und das Wehklagen darüber nicht völlig übertrieben.
Gendermedizin – für eine geschlechtersensible Betrachtung
Hättest du gewusst, dass erst 2023 der erste weibliche Crashtest-Dummy eingesetzt wurde? Vorher galten einfach Normgröße- und gewicht eines durchschnittlichen Mannes. Hier hat man also vor schlappen zwei Jahren damit begonnen, das Geschlecht zu berücksichtigen. Auch in der Medizin wirken sich genderspezifische Unterschiede aber auf Diagnostik, Medikation und Risiko aus – das ist der Ansatz der sog. Gendermedizin, also einer humanmedizinischen Betrachtung, die das ‚Geschlecht‘ als Faktor einbezieht. Um die beträchtliche Gender Data Gap, die geschlechtsspezifische Datenlücke, zu schließen, wird es noch einige Studien brauchen. Denn erst seit den 2000er Jahren werden geschlechtsspezifische Unterschiede überhaupt erforscht. Unter anderem an der Berliner Charité laufen Programme zur Schmerzforschung bei Frauen mit präzisen Ergebnissen, die dafür sorgen, dass die die Gender Pain Gap zumindest ein bisschen kleiner wird.
Es ist wichtig, dass Gendermedizin auch in der Ausbildung an der Uni oder bei der Entwicklung von Impfstoffen Beachtung findet. Ein anschauliches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit zeigt, wie viel noch zu tun ist: Im ersten Corona-Jahr berücksichtigten nur 20 Prozent der Studien das Geschlecht. Ein Forschungsansatz, der stärker differenziert, ist kostspieliger und zeitintensiver – zumal auch individuelle Faktoren wie Gewicht, Gene etc. bei beiden Geschlechtern zusätzlich berücksichtigt werden sollten. Und Sätze wie „Deine Schmerzen sind normal für eine Frau.“ sollten aus dem Wortschatz gestrichen werden. Statt Klischees und Parolen wie „Da musst du halt durch“ müssen Frauen und ihre Schmerzen ernst genommen werden. Denn was Frauen wirklich brauchen sind mehr Forschung, eine bessere Versorgung und einfühlsame Begleitung. Männer und Frauen sollten medizinisch nicht gleich behandelt werden. Echte Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Medizin braucht endlich die Anerkennung der geschlechtsspezifischen Unterschiede.